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„Das Gesundheitssystem ist zu stark auf

Heilung fokussiert“

völlig außen vor. Machen wir uns nichts

vor: Unser Gesundheitssystem ist zu

stark auf Heilung fokussiert, dabei müs­

sen wir doch auch mehr die Linderung

von Erkrankungen – und hier nenne ich

explizit auch jene, die starke Schmerzen

verursachen – im Blick haben.

Ich begrüße sehr, dass sich im sta­

tionären Bereich mit den zertifizierten

schmerzfreien Krankenhäusern schon

viel getan hat. Der ambulante Bereich

hinkt hinterher. Die Leistungserbringer

und auch die Krankenkassen sollten im

Interesse der Versicherten neue Wege

gehen, warum nicht auch mit Hilfe der

Integrierten Versorgung. Die Evidenz­

lage ist in vielen Punkten aber nicht

eindeutig. Perspektivisch müssen Wis­

senslücken geschlossen werden, damit

neue Behandlungsmodule oder auch

-methoden in die Regelversorgung

überführt werden können.

Alle Akteure im Gesundheitssystem

müssen sich fragen, was verbessert

werden muss: in der Ausbildung, bei

der Vergütung und in der Versorgung

der Betroffenen.

Nach Expertenmeinungen gibt es bei

der Schmerzversorgung erhebliche De­

fizite. Die Probleme sind hausgemacht.

Es fehlt an der Verzahnung von ambu­

lant und stationär. Und die Pflege bleibt

Dr. Johannes Horlemann,

Leiter des Regionalen Schmerzzentrums

DGS Geldern Kevelaer und Vizepräsident Deutsche Gesellschaft für

Schmerzmedizin e.V. (DGS)

„Patienten chronifizieren beim Hausarzt“

Ich kenne keine andere Fachgruppe, die

so flächendeckend arbeitet wie die der

Hausarztmedizin. Sie muss deshalb für

die schmerzmedizinische Versorgung der

erste Ansprechpartner sein. Denn hier

chronifizieren die Patienten auch. Weil

der Arzt zu wenig Zeit hatte, sich diesen

aufwändigen Patienten umfassend zu

widmen, weil das Schmerzsyndrom zu

komplex war oder die Kompetenzen feh­

len. Meines Erachtens muss die Haus­

arztmedizin gestärkt werden, etwa über

entsprechende Module, wie wir sie aus

der Inneren Medizin kennen. Nur so kön­

nen wir flächendeckend prophylaktisch

Chronifizierungen entgegenwirken. Der

Hausarzt muss dafür sensibilisiert wer­

den, zu erkennen, wann er nicht mehr

helfen kann und ein Facharzt nötig ist.

Ein weiteres Problem ist die mangelnde

Kommunikation: Meine Erfahrung aus 18

Jahren Schmerzkonferenz zeigt, dass in

der Regel nur 15 Prozent der eingelade­

nen Ärzte teilnehmen. Gerade die Ärzte,

aus deren Praxen die „Problemfälle“ stammen, kommen nicht zu dem Termin, um

gemeinsam mit anderen Kollegen aus anderen Disziplinen zur Verbesserung des Pati­

entenwohls beizutragen. Es fehlt also die Bereitschaft für Kommunikation, nicht zuletzt

auch deswegen, weil dieses ganze Engagement quasi „ehrenamtlich“ geschieht. Wer

etwas verbessern will, wird bestraft. Hier sehe ich die Kassenärztlichen Vereinigungen

und Krankenkassen in der Verantwortung.

Jürgen Hohnl,

Geschäftsführer Gemeinsame Vertretung

der Innungskrankenkassen e.V. (IKK) (links im Bild)

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